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Geschichte des G-Judo (Autor: Martin von den Benken)

1)     Erste Ansätze

 

Schon vor langer Zeit erkannten Ärzte und Pädagogen den hohen Wert des Judosports im Hinblick auf die Körper- und Persönlichkeitsbildung. Vor 1970 wurde dieser Wert aber im Hinblick auf behinderte Menschen nie systematisch erforscht und genutzt. Man hörte nur vereinzelt von Sportkameraden, die trotz einer im Krieg erworbenen Behinderung (Sehschädigung, Amputation) den Judosport ausübten und hier einen wichtigen Beitrag sahen, um im nachsoldatischen Leben wieder Fuß zu fassen.

Seit Beginn der 70er Jahre begannen nun einige Judotrainer, die gemachten positiven Erfahrungen dahingehend zu nutzen, dass sie speziell für bestimmte Zielgruppen den Judosport anboten. Einer der Vorreiter dieser Arbeit war der Wolfsburger Kinderarzt Dr. Khosrow AMIRPOUR, der als medizinischer Leiter des Zentrums für Entwicklungsdiagnostik und soziale Pädiatrie in Wolfsburg Judo für die körperbehinderten Kinder anbot, die als Patienten zu ihm kamen. Mit dem Angebot verfolgte er das Ziel, den Kindern Anreize im Bereich der Koordinationsfähigkeit und Kräftigung zu geben und somit eine interessante Alternative/Ergänzung zur Krankengymnastik zu bieten. Er stellte fest, dass sich bei vielen Kindern der Muskeltonus regulierte, psychosomatische Probleme verschwanden, die Selbstsicherheit stieg und sich die Koordinationsfähigkeit verbesserte.

Adolf GÄRTNER bot im Rehazentrum Neckargemünd seit 1972 Judo für Körperbehinderte Jugendliche an. Seine Erfahrungen verarbeitete er in einer Examensarbeit, bei der er die Go-Kyo auf ihre Eignung für Armdysmeliegeschädigten („Contergankinder“) überprüfte. Dabei ging er so vor, dass er den Betroffenen die entsprechenden Techniken zeigte und sie dann an behindertenspezifischen Lösungen arbeiten ließ. Die Ergebnisse flossen ein in die Entwicklung einer Prüfungsordnung für diese Zielgruppe.

Der Hamburger Judotrainer Reinhard LÖTJE erhielt Ende der 70er Jahre Kontakt zu einer Sonderschule für Sehbehinderte. Für Kinder und Jugendliche dieser Einrichtung hielt er ein Judoangebot innerhalb seines Judovereines vor. Mit einem Helferteam wurden die Schüler in die Vereinstrainingsstätte gebracht. Dort erlebten sie neben geeigneten Spielen auch Gymnastik und eine systematische Einführung in den Judosport. Lötje beobachtet, das im Bereich Mut, Orientierungsfähigkeit und Mobilität ein Zuwachs zu sehen ist. Auch das Selbstbewusstsein wird gestärkt. Nach einem Jahr bestehen 14 seiner Schüler die Prüfung zum gelben Gürtel. Ähnlich Erfahrungen werden in diesen Jahren von verschiedenen Trainern an Blindenschulen gemacht (vgl. beispielsweise Geppert)

Der Schweizer Judotrainer Ricardo BONFRANCHI war in den 70er Jahren einer derjenigen, die entscheidende sportpädagogische Impulse in der Judoszene gesetzt haben. Er arbeitete mit dysmeliegeschädigten Jugendlichen, mit verhaltenauffälligen Kindern und als erster mit lern- und geistigbehinderten Sonderschülern. Er resümiert seine Arbeit dahin gehend, dass Judo für alle sonderpädagogischen Gruppen wichtige Impulse setzen kann und so zur Entwicklung von körperlicher Leistungsfähigkeit, zum Aufbau regelkonformen Verhaltens und zum Abbau von Aggression beitragen kann.

Ebenfalls seit Ende der 70er Jahre integrierte Lothar CLASSEN behinderte Judoka in seinen Verein JC Grenzach/Wyhlen. Zunächst konzentrierte er sich auf körperbehinderte Judoka, mit denen er auf Grund ihrer mangelnden Stehfähigkeit in einer integrativen Gruppe vorwiegend in der Bodenlage arbeitet. Später kamen dann geistigbehinderte Judoka dazu, die er allerdings innerhalb des Vereins in einer eigenen Gruppe betreute. Für Classen stand der Gedanke der Integration im Mittelpunkt der Überlegungen, die er mit Gürtelprüfungen und gemeinsamen Trainings bis hin zur Ausbildung behinderter Judoka zu Übungsleitern erreichen wollte.

Gemeinsam war den ersten Versuchen, Judo auch für Behinderte anzubieten, der pädagogische respektive therapeutische Gedanke: Wie gelingt es, durch dieses Bewegungsangebot, Funktionen, Einstellungen, Dispositionen zu verbessern bzw. behinderungsbedingte Einschränkungen zu mildern? Die Erfahrungen dieser Versuche wurden in sehr persönlich gefärbten Berichten der Öffentlichkeit zur Kenntnis gegeben.

 

2)     Beginn systematischer Arbeit

 

Zu Beginn der Anfang 80er Jahre erkannte man, dass die verstreut vorgetragenen Ansätze des G-Judo zusammengefasst werden müssen und dass außerdem eine Erhebung von Erfahrungen auf diesem Gebiet deutlich systematischer und wissenschaftlicher erfolgen muss.

In der Folge gab es einige Veröffentlichungen, die den Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens genügten und über das Niveau subjektiver Erfahrungsberichte hinaus gingen. Karl RUNKEL untersuchte in seiner Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln, ob Kampfsportarten einen Platz im Behindertensport haben. Er zog dazu alle zur Verfügung stehenden Veröffentlichungen zu diesem Thema bei und fasste sie zusammen. Sein Ergebnis: Judo den vorliegenden Berichten zu Folge für viele Behinderte eine geeignete Sportart. Allerdings fehlt es an wissenschaftlichen Untersuchungen, die dies stichhaltig untermauern.

An diese Arbeit gingen dann Martin VON DEN BENKEN und Jochen VÖGTLE ebenfalls mit je einer Diplomarbeit an der Sporthochschule Köln. Sie führten gemeinsam einen Judokurs für zerebral bewegungsgestörte Jugendliche durch. Dieser Kurs wurde einerseits didaktisch/methodisch ausgewertet (von den Benken), andererseits wurden motorische Aspekte gemessen (Vögtle). Ergebnisse: Judo ist für gehfähige Spastiker eine geeignete Sportart. Mit geeigneten methodischen Mitteln (induktives Vorgehen) sind die Sportler in der Lage, Judobewegungen zu adaptieren. Außerdem kann Judo einen Beitrag leisten, dass bestimmte motorische Fähigkeiten, wie beispielsweise die Koordination, verbessert werden. Durch die vielseitige Beanspruchung des gesamten Körpers kann Judo bestimmte Funktionseinschränkungen mildern.

Jürgen INNENMOSER, Wolfgang JANKO und Jochen VÖGTLE legten 1992 das Gutachten ‚Judo als Rehasport’ vor. Sie untersuchten zunächst die Anforderungen, die an behinderungsgerechte Bewegungsangebote gestellt werden und glichen sie mit dem Profil der Sportart Judo ab. Unter Einbeziehung aller vorhandenen Untersuchungen zum Thema erstellten sie Leitlinien für die Durchführungsbedingungen, außerdem Zielbestimmungen und praktische Handreichungen für die Planung und –durchführung von Judokursen für behinderte Menschen. Zum Abschluss ihrer Arbeit kommen sie zu der Überzeugung, „.... dass der Einsatz von Judo zu sport- und bewegungstherapeutischen Zwecken in vielen Fällen und bei einigen Behinderungsarten im besonderen, geradezu notwendig, in jedem Fall hilfreich ist.“

Auch im Bereich der Zusammenfassung der vereinzelten Ansätze tat sich einiges. Der DJB ergriff die Initiative und lud die ihm bekannten Aktiven auf diesem Gebiet 1983 zu einer Konferenz nach Köln ein. Man lernte sich kennen, tauschte Erfahrungen aus und beschloss, dieses Treffen zu institutionalisieren. Es entstand der Arbeitskreis ‚Behindertenjudo’ des DJB dessen erster Vorsitzender Adolf Gärtner wurde. Dieser machte es sich zur Aufgabe, bundesweite Maßnahmen zu organisieren und möglichst viele Interessenten für diese Idee zu gewinnen, um G-Judo flächendeckend anbieten zu können. Im Mittelpunkt standen dabei die jährlich ausgerichteten ‚Sportfeste’, bei denen bis zu 250 behinderte Judoka aus dem Bundesgebiet zusammen kamen, um an einem Wochenende gemeinsam Judo zu erleben.

Besonders rasant entwickelte sich das G-Judo in NRW, wo mit Dr. Wolfgang Janko erstmals ein Beauftragter für Behindertenjudo im Vorstand des Landesverbandes installiert wurde und in Niedersachsen, das mit Martin von den Benken einen Hauptamtlichen einstellte, um das Judo für Behinderte weiter auszubreiten. Zur Ausbreitung des G-Judo wurden in beiden Verbänden Infoveranstaltungen für Träger der Behindertenarbeit abgehalten, Freizeitmaßnahmen für G-Judoka angeboten und Kontakte mit dem Behindertensport Verband geknüpft. Vor allem aber wurde Fachübungsleitern aus dem Judobereich die Arbeit mit Behinderten vorgestellt und Interessierte bekamen die Möglichkeit, sich auf diesem Gebiet aus- und fortbilden zu lassen.

 

3)     Die Wettkampfproblematik

 

Mit der flächendeckenden Ausbreitung des G-Judo rückte auch das Ausloten der therapeutischen Potenzen und der pädagogischen Interventionsmöglichkeiten in den Hintergrund. Wichtiger wurde es, einen attraktives und motivierendes Sportangebot für behinderte Menschen zu gestalten. Dazu gehörten neben vielfältigen Trainingsmöglichkeiten und überregionalen Lehrgangsangeboten auch kämpferische Vergleiche. Diese wurde seit Ende der 80er Jahre von den Betroffenen intensiv nachgefragt.

Vorreiter auf diesem Gebiet waren die sehgeschädigten Judoka. Hier fand schon 1987 das erste Turnier in Besancon/Fra. statt, damals noch ohne deutsche Beteiligung. 1988 war Judo bei den Paralymics in Korea Vorführ-Wettbewerb mit 37 Athleten aus 9 Nationen (Deutschland ist auch hier noch nicht dabei), seit dem finden regelmäßig Welt- und Europameisterschaften statt. In Deutschland gibt es zum ersten Mal 1990 Wettkämpfe, 1992 gewinnen deutsche Sportler erste Medaillen bei den Paralympics in Barcelona. Der Niedersachse Klaus Heyer holt hier Bronze im Schwergewicht.

Die Einführung von Wettkämpfen bei sehgeschädigten Judoka ist eine logische Folge der dargestellten Entwicklung, auch weil sie von den Betroffenen gefordert wird. In sofern verläuft sie auch völlig unproblematisch. Einzig die geringe Anzahl der wettkampftreibenden Sehgeschädigten macht den Veranstaltern von Anfang an zu schaffen. Anders sieht die Sache bei den geistig behinderten Judoka aus. Hier gibt es zunächst große Bedenken, da die Signale der Betroffenen nicht so eindeutig ist. Ist ein selektives System, wie der Wettkampfsport in diesem pädagogischen Kontext überhaupt sinnvoll?

Angeregt durch ermutigende Beispiele aus den Niederlanden und Frankreich, veranstaltet der Niedersächsische Judo-Verband erstmals 1994 ein Landesturnier für behinderte Judoka, das in erster Linie von Geistigbehinderten wahrgenommen wird. 1999 findet die erste deutsche Meisterschaft in Gladbeck, seit 2000 nehmen behinderte Judoka an den Paralympics Deutschland in Stuttgart teil.

In der Folge dieser Entwicklung übernimmt seit den 90er Jahren immer mehr der Behindertensportverband die Federführung im G-Judo. Der DBS und seine Landesverbände sind die Zuschussempfänger für alle Mittel auf diesem Gebiet und daher auch prädestiniert, große Meisterschaften zu veranstalten und eine Nationalmannschaft zu finanzieren.

4)     Literatur

AMIRPOUR, K.: Judo als Rehabilitationssport für bewegungsgestörte Kinder und Jugendliche. Rehabilitationsverlag, Bonn 1985

BONFRANCHI, R.: Judo ein erziehungstherapeutischer Weg. Meyer und Meyer Verlang, Aachen 2002

CARMENI, B.: Judo for visually impaired Athlets. Eigenverlag, Cortina d’Ampezzo, 1997 CLASSEN, L.: Behinderte Sportler im Judo-Club. In: Das Band, 4, 1981

GÄRTNER, A.: Eignet sich Judo für den Sportunterricht mit Dysmelie-Kindern? Zulassungsarbeit zu 1. Dienstprüfung, Heidelberg 1972

INNENMOSER, J.: et al.: Judo als Rehasport. Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein, 1992

JANKO, W.: Judo mit Behinderten. In: Judo 24, 1994, 12-13

LÖTJE, R.: Judo mit sehbehinderten und blinden Kinder. In: Praxis der Psychomotorik, Heft 6, 1981, 109-113

VON DEN BENKEN; M.: Durchführung von Judounterricht mit cerebral Bewegungsgestörten. Diplomarbeit an der DSHS Köln, 1984

VÖGTLE, J.: Zur Frage der Realisierbarkeit eines Judokurses mit cerebral Bewegungsgestörten. Diplomarbeit, DSHS Köln 1984

 

Wie antastbar ist die Würde von Behinderten?

Autoren aus Ost und West befassen sich in einer Ossietzky-Serie mit gesellschaftlichen Fragen, für die es in Deutschland schon einmal menschenfreundliche

Antworten gegeben hat - zeitweilig, zumindest in Ansätzen, und zwar in der DDR. Wir setzen diese Serie mit einem Beitrag der Berliner Theologin Ilsegret Fink fort.

Es war vor 44 Jahren, als ich einen Tag nach der Geburt unserer ersten Tochter die Diagnose hörte: "drastischer Sauerstoffmangel unter der Geburt". Ihr Körper und ihr Lebenslauf würden sich nun unter völlig anderen Bedingungen entwickeln, als wir uns in Vorfreude auf das Kind ausgemalt hatten. Plötzlich kamen Erinnerungen an den Biologieunterricht in meinem Lyzeum: Eine kleine drahtige Frau, die wegen Lehrermangels auch Sport unterrichtete, erzählte uns Zwölfjährigen von der großen Reinigung des deutschen Volkes, weil Behinderte als erbschwacher Nachwuchs nicht länger auf Kosten der Gesunden mitgeschleppt werden müßten. Durch ein mutiges neues Gesetz werde künftig "lebensunwertes Leben" rechtzeitig beendet werden. Nur drei Jahre später konnte ich schon nicht mehr begreifen, warum wir unserer Lieblingslehrerin so bereitwillig das Recht auf "Endlösung der Behindertenfrage" geglaubt hatten. Im Wochenbett, zwei Jahrzehnte danach, fragte ich mich, ob damals eine Mutter, die ihr Kind unter Sauerstoffmangel geboren hatte, es als "lebensunwert" angesehen hätte ....

Voller Selbsttäuschungsbereitschaft nahmen wir dann alle Entwicklungsschritte unserer Tochter als Anzeichen, daß sie doch nicht behindert sei. Nach drei Monaten konfrontierte uns ihr erster schwerer epileptischer Anfall mit der Realität. Wenn ich später die spastisch gelähmte Hand und das Bein der Heranwachsenden ansah, dachte ich oft an andere Mütter, zum Beispiel in Vietnam. Es war zu der Zeit, als die USAir Force dort Kinderspielzeug abwarf, das den Kindern Gliedmaßen zerriß. Ich dachte an viele politische Ursachen von Behinderungen, an die Notwendigkeit, überall kinderfreundliche politische Bedingungen zu schaffen.

An den Elternabenden des Behinderten-Kindergartens, der zugleich Vorschule war, tauschten wir Erfahrungen aus und freuten uns, daß für vieles schon gesorgt war: In der Schule würden nur acht Kinder in der Klasse sein, und später würden sie sich in einer Behindertenwerkstatt Arbeitsplätze aussuchen können; darauf hatten sie in der DDR einen gesetzlich geregelten Anspruch. Uns bedrückte freilich, daß es das Netz fördernder Sicherheit, wie wir es kennenlernten und woran wir mitwirkten, noch nicht an allen Orten der DDR gab.

"Kinder die anders sind" hieß das Buch der Kinderpsychiaterin Gerda Jun, das als "Elternreport" aus der regelmäßigen Arbeit unserer Gruppe entstand. In zehn Interviews wurde deutlich, wie hart für Eltern die unerwartete Aufgabe ist, ein behindertes Kind zu akzeptieren und mit Unverständnis, oft sogar Ablehnung in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit umzugehen.

Wie in anderen Schulen der DDR hatte auch in der Behinderten-Schule jede Klasse eine Patenbrigade. Es war bewegend und wohltuend für uns, wenn die Arbeiterinnen unsere Kinder in ihren Betrieb holten, an Elternversammlungen und Zeugnisausgaben teilnahmen und den Internationalen Kindertag mitfeierten.
Die Bus- und Taxifahrer waren mit ihren behinderten Fahrgästen fröhlich vertraut und verwischten langsam meine finstere Erinnerung an einen ihrer Kollegen, einen gutmütigen weißhaarigen Mann, der, als er Mirjams schweren Anfall miterlebte, seufzte: "Ach Jottchen, soÂ’n Würmchen hätte Hitler erlöst."

Aus der Arbeit unserer Gruppe entstand auch der Fernsehfilm "Diagnose Hirngeschädigt", den der Programmchef zunächst nicht senden wollte. Wir diskutierten so lange, bis er schließlich nachgab. Es kamen Wäschekörbe voll Zuschauerpost: ernsthafte, mitmenschliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Wir fingen gerade an, die Gleichberechtigung von Behinderten für normal zu halten, als mit dem Einigungsvertrag zum gemeinsamen Deutschland zwar erstklassige Hilfsmittel für alle Arten von Behinderung ins Angebot kamen, aber zuerst die Arbeitsverträge unserer Kinder gekündigt wurden. Die geschützten Arbeitsplätze in Verwaltung und Industrie wurden gestrichen. Kontakte brachen ab. Behinderte, die einsam zu Hause sitzen, verkümmern.

In Artikel 2.1 des Grundgesetzes heißt es: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit"; Artikel 2.2: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Gleiches steht seit Dezember 2000 in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Sind Behinderte, sind Versehrte gleichberechtigt?

Seit eh und je wird über die Ursachen von angeborener oder später erworbener Behinderung gegrübelt. Die Religionen gaben durch die Jahrtausende unterschiedliche und widersprüchliche Antworten. Im christlichen Abendland triumphierten vor und nach der Reformation Schuldzuweisungen nach kirchlich erstellten Sündenregistern: Bestimmte Behinderungen galten als Strafen für bestimmte Sünden - im Widerspruch zu biblischen Texten, die solche Diskriminierung ablehnen. Wirken archaische Vorstellungen wie "Gottesstrafe", "Fluch" oder "behext" vielleicht noch heute als Grundmuster in beleidigenden Blödeleien über behinderte Mitschüler oder auch in Bundestagsdebatten fort, in denen ein Antidiskriminierungsgesetz schließlich nur als "Gleichbehandlungsgesetz" Stimmen bekommt? Müßte es für Behinderte nicht zumindest ein Recht auf Barrierefreiheit geben, wenn das rätselhafte Recht auf Unversehrtheit für sie doch nicht einklagbar ist? Ich frage mich auch, wie stark Sachzwänge sein müssen, wenn sie dazu führen, öffentliche Mittel zu kürzen, mit denen Zugänge für Behinderte zu finanzieren wären. "Gleichbehandlung" wird zur zynischen Phrase, wo Behinderte keinen Zugang finden.

Der Bundestagsabgeordnete Ilja Seifert (Die Linke) hat dem Gesetzentwurf nicht zugestimmt, weil "wer Diskriminierung wirklich verhindern will, ungleich behandeln, nämlich die Schwächen der Benachteiligten ausgleichen muß". Worauf es ankommt, ist eben nicht Gleichbehandlung, sondern ein Diskriminierungsverbot. Die Linke hatte ein Nachteilsausgleichsgesetz beantragt - zur Ermutigung für Behinderte und zur Finanzierung ihres Zugangs zu Arbeit, Bildung, Kultur, zu öffentlichen und privaten Räumen.

Eine neue Chance bietet die am 13. Dezember 2006 verabschiedete UNO-Konvention "zur Förderung und zum Schutz der Rechte und Würde behinderter Menschen", die erstmals international verbindliche Standards für die Lebensbedingungen von gegenwärtig rund 650 Millionen Menschen setzt - und täglich kommen durch Mangelernährung und Kriegshandlungen Verletzte hinzu. Der Ratifizierungsprozeß hat am 30. März 2007 begonnen. Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich, Menschen mit Behinderungen "vor Ausbeutung und Mißbrauch zu schützen". Solchen gesetzlichen Schutz gibt es bisher nur in 45 Staaten. Wer aber das "Recht auf körperliche Unversehrtheit" ernst nimmt, der muß sich auch für die Ächtung von Kriegen und für Abrüstung einsetzen - vorrangig für ein Verbot des Exports von Waffen, deren Zweck es ist, Menschen zu versehren. Deutsche Rüstungsfabrikanten gehören zu den Hauptexporteuren.

20.06.2007

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 

 

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